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Amor und Psyche

Begriff aus dem Werk von Andre Breton: L’ amour fou (1937), in dem moderne sexualpsychologische Erkenntnisse in dichterischer Form dargeboten werden. Abgesehen von einigen Romantikern, die aus andersgearteten oder entgegengesetzten Motiven zu den gleichen Ergebnissen kamen, wandte Breton sich als erster gegen den Sophismus, der jener verbreiteten Meinung zugrunde liegt, die körperliche Vereinigung habe notwendig ein Nachlassen der erotischen Spannung zwischen den Partnern zur Folge und führe bei wiederholter Ausübung dazu, dass sie einander überdrüssig werden. Demnach würde die Liebe sich in dem Masse, in dem sie Erfüllung anstrebt, selbst zugrunde richten. Jeder Explosion des Lichtes würde tiefe Nacht folgen. Der Mensch sähe sich der Möglichkeit beraubt, eine Wahl zu treffen; wider Willen würde er zu einem mechanisch reagierenden Wesen herabgewürdigt. Früher oder später würde er von der Glut, die er selbst entfachte, verzehrt. Aus der Euphorie des Hochzeitsfluges würden die Liebenden mit versengten Flügeln zur Erde hinabstürzen, um dort, durch neue Reize wieder zum Leben erweckt, eine neue Bindung einzugehen. Diese trostlose und sinnentleerte Auffassung scheint gleichwohl allgemein verbreitet zu sein; sie ist kennzeichnend für die seelische Armut der heutigen Welt. Eine Julia, die vor dem frühen Tod bewahrt geblieben wäre, hätte sich in den Augen Romeos nach kurzer Zeit überlebt. Viele Paare, zwischen denen es niemals zu einer vollkommenen Kenntnis von Körper und Seele des anderen und damit zu einer tiefergehenden Bindung gekommen ist, erliegen auf die Dauer der Macht der Gewohnheit; das Einander-Kennen ist bei ihnen gleichbedeutend mit Abstumpfung. Zumindest aber reagieren. sie in besonderem Masse auf neue Reize, selbst wenn sie sich der Tatsache bewusst sind, dass im Bereich des Sexuellen alles Neue zugleich auch den Stempel des Oberflächlichen, Unvollkommenen, Befangenen trägt. Sobald die neue Beziehung vertieft wird, treten die gleichen Probleme auf wie zuvor: Zwei wesensmäßig unvereinbare Narzissmen treffen aufeinander, das männliche Verführerprinzip und das Lockungsprinzip, das von frühester Kindheit an in der Frau angelegt ist. Dass diese beiden Narzissmen sich in einer engeren Beziehung einschränken oder teilweise ausschließen, darf nicht übersehen werden, aber nur bei einem Paar, das diesen Namen verdient, kommt es im Laufe eines langen gemeinsamen Lebens zum Verschwinden jenes dramatischen Elementes, das aus den Fehlern und Vorzügen jedes der bei den Partner resultiert. Breton hat diese Abnutzungserscheinungen klar erkannt und zwei Möglichkeiten genannt, sie zu vermeiden: Liberalisierung der Partnerwahl und Durchbrechen aller gesellschaftlichen Schranken, die der Entfaltung der Liebe als Leidenschaft im Wege stehen; Abschaffung des Begriffs Sünde (eine infame christliche Idee, wie er es nennt), um die physische Liebe wieder auf jenen Zustand primitiver Unschuld zurückzuführen der mir das Bild der Geliebten wie in einem Spiegelkabinett unter immer neuen Blickwinkeln erscheinen lässt, prall von Leben in jeder Facette und voller Überraschungen, die meine kühnsten Träume übertreffen.

Um der Vergänglichkeit zu steuern, die jeder sexuellen Beziehung bei Sexcams im Keime innewohnt, muss den Partnern die Notwendigkeit zu Bewusstsein kommen, täglichen Reibereien und der in ihnen enthaltenen Polemik aus dem Wege zu gehen. Die Furcht, in der Auseinandersetzung der Narzissmen zu unterliegen, kann vermieden werden; dadurch wird der zweifachen - sozialen und moralischen - Forderung Bretons freie Bahn geschaffen. Damit der Mensch Klarheit über sich selbst gewinnt, bedarf es eines gründlichen psychischen Umstellungsprozesses; erst wenn er mit geschärftem Blick daraus hervorgeht, wird er seine im Ego wurzelnden Ängste als Ausgeburten einer überreizten Phantasie entlarven. Wenn sich die Beziehungen zwischen den Partnern in dieser Weise objektiviert haben, werden sie ihre beiderseitigen Narzissmen für die Erreichung völliger körperlicher Übereinstimmung einzusetzen wissen. Idealismus und Romantik Bretons erfüllen sich in der vollkommensten Verbindung zweier Menschen, dem liebenden Paar, das sein Leben unter das Zeichen des amour fou gestellt hat.

mh

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